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SCHRIFTGRÖSSEAAA

„Ich wäre ein ganzes Stück ärmer, wenn ich die Gruppe nicht hätte.“

Charlotte Hertel, ZWAR Netzwerk Hoesch II, Dortmund

Angefangen hat alles 1979, zur Zeit der großen Stahlkrise in Deutschland. Damals wurden die Mitarbeiter vom Dortmunder Hoesch-Werk mit 55 Jahren in den Ruhestand verabschiedet. Um dem Nichtstun zu entkommen, schlossen sich die Hoeschianer zusammen und gründeten die ZWAR-Gruppe. „Auf einmal saß der ganz einfache Handwerker neben dem Leiter der Personalabteilung“, sagt Charlotte Hertel, die gemeinsam mit ihrem verstorbenen Mann über Freunde zur Gruppe gekommen ist. Dass die Gruppe heute noch Bestand hat, glaubt sie, hängt eben auch mit der schwierigen Anfangszeit zusammen, die sehr von Solidarität geprägt war.

„Man kennt sich und fühlt sich auch für einander verantwortlich“, sagt sie und erzählt sogleich von der großen Unterstützung der Gruppe, die sie während der schweren und langen Krankheit ihres Mannes erfahren hat. „Man war nie alleine!“ Diese unermüdliche Anteilnahme und Hilfe hat selbst beider eigenen Familie für großes Erstaunen gesorgt, die so etwas noch nie erlebt hatte. Und dieses starke Verantwortungs- und Gemeinschaftsgefühl trägt die Gruppe bis heute.

 

Alle Gruppenmitglieder haben die Möglichkeit, Vorschläge zu machen und sich einzubringen. Neben den alltäglichen Aktivitäten wie Wandern oder Kegeln sind die ehemaligen Hoeschianer auch sozialpolitisch aktiv. So werden pro Jahr ungefähr vier Seminare, z.B. von der Konrad-Adenauer-Gesellschaft oder der Friedrich Ebert-Stiftung besucht. Dabei geht es dann immer um aktuelle Themen, wie die Europapolitik oder das Ruhrgebiet, aber weniger um die so genannten „Altenthemen“ wie Rentenerhöhung, Krankheit oder teure Medikamente.„Ich halte das für wichtig, das hält einen im Kopf jung“, ist Charlotte Hertel überzeugt. Überhaupt schätzt sie den Mehrwert der Gruppe für den einzelnen hoch ein, denn alle Mitglieder haben im Laufe der Zeit gelernt, „über wichtige Dinge zu reden“ und was für sie fast noch wichtiger ist, „den anderen reden und seine Meinung auch mal unkommentiert stehen zu lassen.“ Nur so kann eine Kommunikation lebendig bleiben, die Charlotte Hertel für Menschen im Alter für nahezu unverzichtbar ansieht: „Es gibt nichts Schlimmeres als Einsamkeit im Alter!“ Darum ist es für sie auch abseits der Gruppentreffen selbstverständlich, immer ein offenes Ohr für die anderen Gruppenmitglieder zu haben. „Darüber hinaus“, erklärt sie, „sind wir in derGruppe immer wieder bemüht, auch den Kontakt zu den passiven Mitgliedern, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr an den Treffen teilnehmen können, aufrecht zu erhalten.“

 

Charlotte Hertel ist an ihrer Gruppe gewachsen. Wenn sie früher beispielsweise vor einer Gruppe eine Rede halten musste, dann hat ihr immer das Herz bis zum Hals geklopft - heute geht sie mit solchen Situationen viel gelassener um. Sie empfindet Stolz und Freude bei der Organisation und Durchführung von Seminaren. Sie spürt, dass sie in der Gruppe gebraucht wird, und das gibt ihr ein gutes Gefühl: „Ich wäre ein ganzes Stück ärmer, wenn ich die Gruppe nicht hätte.“ Für sie ist sie ein Stück Heimat und wie eine Familie.